Basiserklärung der AGP



1. Die Probleme unserer Zeit verlangen immer dringender nach humanen Lösungen. Die Bevölkerungsexplosion und das Ernährungsproblem, der Bildungsrückstand und die fortschreitende wirtschaftliche Benachteiligung der Entwicklungsländer, die Absurdität der Rüstungsmaschinerie und die Unfähigkeit des gegenwärtigen internationalen politischen Systems zu wirksamer Friedenssicherung sind Fragen, in denen es um das Überleben der Menschheit geht.

2. Die technologisch orientierten Wissenschaften geben uns zwar die Mittel, diese Probleme zu bewältigen; den Wandel im Bewußtsein und in den gesellschaftlichen Strukturen aber bringen sie nicht mit sich. Doch liegt gerade in diesem Wandel die Voraussetzung und die einzige Garantie für einen humanen Einsatz der technischen Möglichkeiten. Dazu hat die christliche Botschaft Impulse und Hilfe zu geben. Als die Botschaft von Versöhnung und neuer Gerechtigkeit, von Freiheit und Frieden hat sie Maßstäbe anzubieten; als die Botschaft vom kommenden Reich Gottes und der noch ausstehenden Vollendung kann sie in den Menschen die Hoffnung wachhalten über alle technologisch organisierbare Zukunftsplanung hinaus, kann sie die Menschen davor bewahren, erreichte Ziele absolut zu setzen und damit einen Totalitarismus zu fördern.

3. Aber die Kirche insgesamt bleibt das befreiende, für die Zukunft aufschließende Wort schuldig. Zwar sind wesentliche Ziele auf dem II. Vatikanischen Konzil formuliert worden, aber die Kirche engagiert sich nur zögernd, ängstlich, einfallslos und mißtrauisch in der Gesellschaft. So verdunkelt sie die ihr aufgetragene Botschaft. Sie versteht die Zeichen der Zeit nicht zu lesen, weil sie zur gegenwärtigen Gesellschaft in einen geschichtlichen Rückstand geraten ist, den sie selbst zunächst in einem elementaren Wandlungsprozeß überwinden müßte.

4. Um diesen Rückstand zu überwinden, muß die Kirche mindestens die Sicherungen menschlicher Freiheit in ihre Institution einbringen, die im staatlichen Bereich während der letzten zweihundert Jahre gegen den offenen und verschleierten Mißbrauch der Macht erkämpft worden sind (Grundrechte, Gewaltenteilung und Kontrolle der Entscheidungsvorgänge). Um gegen Unmenschlichkeit protestieren und zu einer menschenwürdigen Zukunft beitragen zu können, muß die Kirche in ihren eigenen Institutionen Ungerechtigkeit und inhumane Praktiken beseitigen. Um gegen die Degradierung des Menschen in totalitären Systemen und in einer verplanten Welt protestieren und für Freiheit als Bedingung des Friedens eintreten zu können, muß sie selbst ihre Institutionen in einem theologisch legitimen Sinn fundamental demokratisieren, d. h. bei der Wahrheitsfindung sowie bei allen Entscheidungsvorgängen müssen Sachkompetenz, Öffentlichkeit und Mitverantwortung aller als Prinzipien kirchlichen Handelns verwirklicht werden.

5. Die notwendige Umwandlung der Kirche geschieht indes so, daß die tatsächlich durchgeführten Reformen in keinem Verhältnis zu dem stehen, was geschehen könnte und geschehen müßte. Wenn in der Kirche heute zukunftsweisende Zielvorstellungen und Projekte entwickelt werden, dürfen diejenigen, die das tun, auf bereitwillige Mitarbeit rechnen. Aber vor allem die Kirchenleitungen zeigen sich weitgehend ängstlich besorgt um Besitzstand und Prestige einer der Vergangenheit verhafteten Erscheinungsgestalt der Kirche, zu wenig informiert und zu wenig verständnisbereit; offene Diskussion wurde wiederholt verweigert oder als Pressionsversuch, Eigenmächtigkeit und Ungehorsam diffamiert; viele ernst zu nehmende Ansätze einer Neubesinnung und zeitgemäßer Gestaltung christlicher Existenz in Gottesdienst und Leben werden unterdrückt und als Gefahr für die Einheit der Kirche verdächtigt.
Folgende Tendenzen bestimmen das Bild der Kirche in der Bundesrepublik:
Eine ständig zurückgehende Zahl von Priestern wird von dem ebenfalls ständig zurückgehenden traditionellen kirchlichen Betrieb immer noch gerade so weit überlastet, daß für eine ernsthafte Überprüfung der kirchlichen Arbeit kein Raum bleibt. Ökumenische Gemeinschaft wird nur so weit gefördert, daß man sich immer noch von ernsthaftem Umdenken und Bemühen um die Einheit dispensieren kann.
Die Anstöße des Il. Vatikanischen Konzils werden der angeblichen Bewußtseinslage eines sogenannten "gläubigen Kirchenvolks" angepaßt. Gerade so aber werden "einfache" Gläubige in ihrem kritischen Vermögen zur Unterscheidung der Geister unterschätzt und verletzt.
Kritische Theologen und Laien mit fachlicher Kompetenz diskutieren auf akademischen Veranstaltungen, aber bei wichtigen Entscheidungen der Kirchenleitungen werden sie trotz aller Bekenntnisse zur Mitverantwortung praktisch von der Mitbestimmung ausgeschlossen.

6. In dieser Situation kann uns niemand die Mitverantwortung und Mitschuld abnehmen. Angesichts der Macht festgefahrener Strukturen und Apparate kann zu dem notwendigen Bewußtseins- und Strukturwandel nur eine Solidarisierung führen, die auf diese Umwandlung entschieden hinarbeitet. Diesem Ziel will die Arbeitsgemeinschaft von Priestergruppen in der Bundesrepublik Deutschland in Kommunikation und Kooperation mit allen interessierten Gruppen und einzelnen dienen. Die Priester, die sich in der Arbeitsgemeinschaft zusammenschließen, sind der Überzeugung, daß der Heilsdienst der Kirche sich heute und in Zukunft nur in offenen Strukturen verwirklichen kann. Sie wollen darum mitarbeiten an einer zeitgemäßen Neuinterpretation des Glaubens im Hinblick auf unsere Gesellschaft und eintreten für "öffentliche Bewußtseins- und Willensbildung, Freiheit der Meinungsäußerung, ungehinderten Informationsfluß, Durchsichtigkeit der Verwaltungsvorgänge, Mitwirkung und Kontrolle bei Entscheidungen der Kirchenleitungen".

Erklärung der Versammlung vom 20. Januar 1969 in Königstein;
beschlossen auf der Vertreterversammlung in Königshofen (Taunus) am 27. Mai 1969


 

Zitat:

Papst Franziskus:

„Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willen hat, wer bin ich, ihn zu verurteilen?“